Hausaufgabe zum 22. April

Wie fühle ich mich nach einem Jahr Pandemie?

Definitiv richtig unterirdisch. Über ein Jahr kein Kino, keine echten Geburtstagsfeiern, keine Familienfeiern, kein Theater, keine Konzerte, keine Klassenfahrten, keine Parisreisen, keine Schachturniere, keine Restaurantbesuche, kein richtiger Urlaub, kein Umarmen von Freunden, nicht einmal Händeschütteln, keine unbändigen Shoppingtouren, keine Fußball-Europameisterschaft, kein Was-weiß-ich noch-alles.
Eins ist klar. Wenn das hier erst mal vorbei ist, geh ich jede Woche, was sage ich: jeden Tag ins Kino und schau mir die schlechtesten Filme an – einfach weil ich es kann. Nix mit Netflix. Und ich werde den Unterricht mit Schüler*innen genießen, einfach weil er stattfindet und weil man lachen und dumme Sprüche machen kann und weil eine Pointe schneller zündet als ein Mikrofon in der Videokonferenz aktiviert ist. Und ich werde eine neue Erkenntnis unter die Leute bringen: Digital ist nur dann akzeptabel, wenn echt nicht geht. Und nur dann. Homeschooling ist Scheiße. Außer im australischen Outback, wenn‘s zur nächsten Schule mehrere hundert Kilometer sind.
Echte Depressionen habe ich nicht, und wenn ich ernsthaft klagen würde, geschähe das auf hohem Niveau. Aber ich fange an mich zu ärgern.
Vor allem darüber, dass wir Erwachsenen, wir, die wir dies Land leiten, von der Bundeskanzlerin bis hinunter zum kleinsten Parkwächter, dass wir alle es nicht hinbekommen, wirklich sinnvolle Maßnahmen zu treffen. In den Regierungsrunden schrauben sie an ganz vielen kleinen Rädchen und kalibrieren winzigste Parameter, um in den Modellrechnungen dritte Nachkommastellen zu optimieren. Und dann wird es nach unten weiterverbreitet, und alle machen es mit.
Es werden Gartenbau-AGs an Schulen geschlossen, obwohl absolut klar ist, dass die gleichen Kinder, die mit Maske im Unterricht sitzen, sich nachmittags im Freien nicht anstecken werden. Fragt die Aerosole. Ich spare mir weitere Beispiele, denn die Gefahr wäre zu groß, dass ich ins Pöbeln geriete.
Es werden Dinge behauptet, nicht weil sie richtig sind, sondern weil man andernfalls als Depp dastehen würde. Irgendwann hieß es mal, Masken seien nicht hilfreich. Weil es keine gab. Nun trage ich gefühlt die vierte Generation von immer undurchlässiger werdenden Masken. Weil es sie gibt.
Warum arbeiten die Gesundheitsämter nicht rund um die Uhr? Die wurden doch für genau diese Situation installiert, oder verstehe ich da was falsch? Warum lebe ich nicht in einem Land, in dem der Regierungschef zum Gesundheitsamt sagt: Es ist Not am Mann, Urlaubsverbot, kein Wochenende, ihr arbeitet durch, bis das vorbei ist, und bis dahin kriegt ihr die Hälfte der Mannschaft des Katasteramts sowie die Leute vom Kraftfahrtbundesamt, die helfen auch aus, und hinterher hänge ich euch einen Orden um.
Wir sind eingesperrt und die Kleinkünstler nagen am Hungertuch und die Jugend verpasst ein Jahr ihres Lebens, weil die Gesundheitsämter nur Faxgeräte haben .
Das ärgert mich.
Ich fühle mit euch jungen Leuten, denen nun schon der zweite Frühling ihres Lebens abhanden kommt. Das macht mich traurig. Ihr seid so geduldig, aber verdient haben ihr alles das nicht. Ich entschuldige mich bei euch im Namen meiner Generation, die es besser machen müsste.

Berlin, den 20.04.2021

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.