Erzähltexte analysieren und interpretieren

rundIn diesem Beitrag versuche ich zu liefern, was Schüler immer kaufen wollen: Eine Anleitung Schwarz auf Weiß, wie das geht, einen Text zu interpretieren. Ob’s hilft, weiß ich nicht, denn letztlich ist Interpretation eine kreative Aufgabe, die sich nicht nach Rezept lernen lässt, und ich habe auch keine Ahnung, ob meine Hinweise hilfreich sind.

I Vorarbeiten

1. Erstes Lesen und Notieren des Eindrucks, den der Text macht
2. Notizen zum Vorwissen:

  • Zu welcher Gattung gehört der Text?
  • Was ist das Charakteristische der Textart?
  • Wissen über den Autor notieren
  • Wissen über die Entstehungszeit und deren Probleme (historisch-politisch; literatur- und kulturgeschichtlich) notieren

3. Bei Textausschnitten: Stellung des Ausschnitts im Gesamttext: Anfang, Ende, vor oder nach einem wichtigen Ereignis? Was geschieht vorher und was nachher?

II Analyse des Inhalts

1. Text nochmals sorgfältig durchlesen und Personen, Orts- und Zeitangaben, Auffälligkeiten im Satzbau und in der Wortwahl, Schlüsselbegriffe usw. unterstreichen
2. Text in Abschnitte teilen und den Abschnitten Überschriften geben
3. Inhalt knapp zusammenfassen (pro Abschnitt ein bis zwei Sätze): Was passiert wann, wo, warum, mit welchen Folgen?
4. Welche Personen kommen im Text vor? (Wie sind sie charakterisiert? Gibt es eine Hauptperson? In welchen Beziehungen zueinander stehen die Personen?)
5. Gibt es eine wichtige Gegenstände?
6. Gibt es wichtige Motive?
7. In welcher Zeit, in welchen Zeitabschnitten spielt die Handlung?
8. An welchem Ort/an welchen Orten spielt die Handlung? Haben die Orte symbolische Bedeutung (Spiegelung des Inneren)? Gibt es Grenzen und Grenzüberschreibungen?
9. Bei Ausschnitten: Zusammenhang zum Gesamttext herstellen!

III Analyse der Form

1. Am Text die Gattungsmerkmale begründen.
2. Hat der Text eine Spannungskurve? Wenn ja, wie verläuft sie?
3. Wie beginnt und wie endet der Text? (Einleitung – Ausleitung oder unvermittelt?)
4. Erzähltechnik: Erzählform? Erzählverhalten? Erzählstandort? Erzählperspektive? Erzählhaltung?
5. Welche Darbietungsformen, welche Formen der Figurenrede werden verwendet?
6. Wie ist die Zeitgestaltung? Wird chronologisch erzählt oder wird die Chronologie (durch Vorausdeutungen, Rückwendungen oder Aussparungen) durchbrochen?
7. In welcher Zeitform (Präsens, Präteritum, Perfekt) ist der Text abgefasst? Wechselt die Zeitform?
8. Wie gestaltet der Autor den Satzbau (kurz und knapp oder lang und verschachtelt)?
9. Werden besondere Begriffe, Wörter oder Wortarten bevorzugt verwendet?
10. Sind besondere sprachliche Figuren zu erkennen?
11. Bei Ausschnitten: Formale Mittel des Textabschnittes mit den ansonsten im Text verwendeten vergleichen!

IV Interpretationsansätze finden

An dieser Stelle legen Sie die Ergebnisse aus den vorigen Arbeitsschritten nebeneinander. Schauen Sie, ob sich an bestimmten Stellen ein Sinn ergibt: Nämlich dann, wenn man erklären kann, warum genau dieser Inhalt in genau dieser Form ausgedrückt wurde. Wie man hier vorgeht, dafür gibt es kein allgemein gültiges Rezept. Aber man kann Beispiele nennen:

kurzer abgehackter Verbalstil <> Unrast der Hauptfigur
Häufung eines Schlüsselbegriffs <> Wertesystem, das damit repräsentiert wird
Wechsel des Ortes <> Entwicklung einer Person

Aus diesen Überlegungen heraus sollten Sie versuchen, nun die Kernaussage des Textes zu formulieren. Sie kann je nach persönlichem Urteil ganz unterschiedlich ausfallen. Aber sie darf nicht dem Text widersprechen und sie sollte möglichst viele Textstellen beachten.

V Schreiben der Interpretation

Eine Interpretation hat drei Teile: Einleitung, Hauptteil und Schluss.
Für die Einleitung gibt es den trockenen, sicheren Standard (Autor, Titel der Erzählung, Entstehungszeit, Gattung, kurze Inhaltsangabe in einem Satz hinzufügen, erster Eindruck). Sie können aber auch lebendiger anfangen: Indem Sie sagen, dass Sie persönlich vom Text betroffen sind; indem Sie gleich eine deutliche These zur Aussageabsicht des Textes formulieren; oder indem Sie mit einer Anekdote aus dem Leben des Autors anfangen (die dann aber zum Text passen muss). Erlaubt ist, was gut ist. Die Einleitung muss Interesse wecken und begründen, warum man sich gerade jetzt mit diesem wichtigen Text beschäftigt (Relevanztopos).
Im Hauptteil wird häufig erst eine inhaltliche und dann eine formale Analyse verlangt, die dann in einem dritten Schritt zu integrieren sei. Das ist im Prinzig richtig, kann aber sehr eintönig werden: zu lange Inhaltsangabe, wackeres Aufzählen der paar Sachen, die Sie an formalen Eigenheiten gefunden haben, und schließlich ein vager Satz zur möglichen Absicht des Autors.
Entscheidend ist vielmehr, dass Sie begreifen, wie Inhalt und Form zusammenhängen und dass Sie dies zeigen. Wenn Sie inhaltliche und formale Analyse intensiv engführen und gleichzeitig sagen, warum das so und nicht anders ist, dann interpretieren Sie. Tasten Sie sich dabei nicht ängstlich am Geländer des Textes entlang! Nehmen Sie Ihre Kernaussage und begründen Sie sie. Die Struktur bringen hauptsächlich Sie in den Aufsatz und nicht der zu analysierende Text.
Am Schluss ist nachzuweisen, dass sich die These mit der Kernaussage als richtig erwiesen hat. Sie fassen all Ihre Erkenntnisse zusammen und schreiben ein, zwei Sätze, die man sich unter­streichen müsste, wenn es ein gedruckter Text wäre: So wichtig sind die. In dieses Fazit kann Ihre ganz persönliche Meinung zum Text und eine Würdigung der Leistung des Autors einfließen.

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