Chuzpe hat er

Das muss man zugeben: Yuval Noah Harari hat ein gerüttelt Maß jener Charaktereigenschaft geerbt, die man vor allem von den Geschäftsleuten und den Schnorrern aus Salcia Landmanns Witzesammlung kennt. Nachdem ich mich durch ca. 1200 Seiten Harari durchgepflügt habe, kann ich ein Lied davon singen. Weil:

Zwar schreibt er lustig und bringt tatsächlich diese 500.000 Jahre Menschengeschichte erzählerisch zusammen, aus jener Drohnenperspektive heraus, die im Moment die billigen Fernsehpoduktionen überflutet – und nun offenbar auch die Geschichtsschreibung. So hoch, dass man erstaunliche Überblicke bekommt und komplexe Zusammenhänge auf Handtaschenformat zusammenschnurren. Etliche seiner Einsichten sind auch tatsächlich unvermutet oder doch so volkstümlich vermittelt, dass der Rezensent sie plötzlich zu verstehen meint. Und hier liegt auch der Grund für die Bestseller-Qualitäten seiner Bücher.

Aber: Erstens, wie gesagt, schert der gute Mann sich nicht um Details und man könnte sein Gedankengebäude wohl an zahlreichen Einzelstellen zum Einsturz bringen, wenn man genauer hinschaute. Denn der Teufel im Detail versteckt sich gern im Gebüsch. Zweitens sind sehr viele Erkenntnisse absolut trivial und stammen aus küchenphilosophischen Dampfplauder-Runden. Drittens ist es zwar ziemlich nützlich, wenn man sich seine Terminologie ein eigener Hemdsärmeligkeit zusammenbastelt – denn dann gewinnt man alle buchinternen Argumentationsduelle zu Null; allein es wird schwierig, mit der Fachkollegenschaft unfallfrei zu diskutieren, und als Leser seine Begriffe woanders zu verwenden, ist riskant.

Ich habe schon oft gedacht: Wär doch Klasse, wenn ich meine ganzen Erkenntnisse zu dem einen großen guten Buch zusammenschreiben könnte, damit die anderen Menschen auch meinen aufgeklärten, rationalen Blick auf die Welt teilen könnten. Und dann sage ich mir immer, lass es bleiben, du bist einfach zu doof dazu, sei lieber demütig und lies noch ein Buch mehr von einem Menschen, der es besser kann als du. Chuzpe also deshalb, weil Harari diese Selbstzweifel gar nicht kennt, sondern einfach losschreibt und in aller Verstiegenheit die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft des Homo sapiens ganz persönlich zu meistern glaubt. Und damit auch gleich noch richtig absahnt, denn wie hoch war die Auflage seiner Bücher?

Alle Achtung.

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