{"id":618,"date":"2014-05-15T19:30:29","date_gmt":"2014-05-15T18:30:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/?p=618"},"modified":"2022-04-01T06:54:04","modified_gmt":"2022-04-01T05:54:04","slug":"sieben-irrtuemer-ueber-den-vorbereitungsdienst-zum-hoeheren-lehramt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/sieben-irrtuemer-ueber-den-vorbereitungsdienst-zum-hoeheren-lehramt\/","title":{"rendered":"Sieben Irrt\u00fcmer \u00fcber den Vorbereitungsdienst zum h\u00f6heren Lehramt"},"content":{"rendered":"<p>dargestellt und er\u00f6rtert f\u00fcr die junge Generation,<br \/>\nauf dass sie es leichter habe<!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Die Ausbildung dient der Ausbildung<\/strong><\/p>\n<p>Erstens glauben diesen Satz erstaunlich viele Menschen, zweitens ist er tautologisch und drittens ist er unzutreffend. Wenn du in diesen beiden Jahren der Ausbildung etwas lernst, dann nicht wegen, sondern trotz der Rahmenbedingungen und der Inhalte; und deine Ausbilder sind nicht deine Ausbilder, sondern deine Sch\u00fcler.<br \/>\nGleichwohl hat das Referendariat eine ethnologisch beschreibbare Funktion: Es ist ein Initiationsritus. So wie in &#8222;primitiven&#8220; Gesellschaften Jugendliche allerlei mysteri\u00f6sen und schmerzvollen Zeremonien unterworfen werden, bevor man sie in die Welt der Erwachsenen aufnimmt (z. B. Konfirmation), genau so wird der Hochschulabsolvent zwei Jahre lang in die Mangel genommen, um seine Eignung f\u00fcr eine Laufbahn in einer staatlichen Institution zu beweisen.<\/p>\n<p><strong>2. Der Vorbereitungsdienst dient zur Vorbereitung auf die Unterrichtspraxis<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_624\" aria-describedby=\"caption-attachment-624\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/autowrack.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-624\" src=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/autowrack-300x266.jpg\" alt=\"So sieht's aus.\" width=\"300\" height=\"266\" srcset=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/autowrack-300x266.jpg 300w, https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/autowrack.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-caption-text\">So sieht&#8217;s aus.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine Untervariante des ersten Irrtums und aus der offiziellen Bezeichnung hervorgegangen: Wahrscheinlich glaubt sogar die Verwaltung daran. Dabei l\u00e4sst sich dieser Aberglaube gleich doppelt widerlegen.<br \/>\nErstens und mittelfristig gedacht dient der Vorbereitungsdienst einzig und allein dazu, dich auf Pr\u00fcfungssituationen (Lehrproben, Tag X) vorzubereiten. Darauf, dass du dann nicht schlapp machst, dass du dann noch denken kannst, wenn die letztg\u00fcltige Version deines Entwurfs erst um f\u00fcnf Uhr morgens aus dem Drucker gekrochen ist und du auf dem Zahnfleisch in die erste Stunde. Das steht alles schwarz auf wei\u00df im ungedruckten Geheimen Lehrplan f\u00fcr die Zweite Ausbildungsphase.<br \/>\nDie nicht gezeigte Praxis z\u00e4hlt gar nichts, aber auch nicht einen Pfifferling; du merkst es schon daran, dass du h\u00e4ufig besser nicht eigene Klassen vorf\u00fchrst, sondern geliehene, und dass dies \u00fcberhaupt kein Problem bei der Bewertung darstellt.<br \/>\nZweitens und langfristig gedacht dienen die elaborierten didaktisch-methodischen Modelle (auch in Form kleinoperationalisierter Schrumpfversionen von Fachseminarleitern) vor allem dazu, dich auf dein Leben in der Berufspraxis vorzubereiten, indem sie dich gr\u00fcndlich traumatisieren; denn du wirst hinfort die Schuld an der misslingenden Praxis immer bei dir suchen und nicht in der Institution Schule, was subjektiv belastet und objektiv die Ruhe im Karton aufrecht erh\u00e4lt (vgl. H. Meyer, Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung, x-te Auflage, Ffm 19xx, S. 179ff. \u00fcber &#8222;Feiertagsdidaktiken&#8220;. Als Stammtisch-Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr schiefgehenden Unterricht ist die Variante die-Sch\u00fcler-sind-heutzutage-so-bl\u00f6d-geworden bekannt; auch diese Interpretation dient nur dazu, die Aufmerksamkeit von den eigentlichen Ursachen der Misere abzulenken.)<br \/>\nIn der Tat dient der Vorbereitungsdienst also zur Vorbereitung, aber nicht auf den Unterricht, sondern auf dein reibungsloses Funktionieren in staatlichen Bildungsanstalten.<\/p>\n<p><strong>3. Literatur und Theorie zur Fachdidaktik sind nicht wichtig: Was z\u00e4hlt, ist die Unterrichtspraxis<\/strong><\/p>\n<p>Theoriefeindliche Exkurse \u00fcber die Praxisferne und damit Nichtigkeit fachdidaktischer Elaborate geh\u00f6ren zum Standardrepertoire des aufrechten Seminarleiters; denn er ist, versteht sich, ein in der Wolle gef\u00e4rbter Praktiker und stolz darauf.<br \/>\nFalsch! (Nicht dass er ein Praktiker ist, sondern dass nur die Praxis z\u00e4hlt.) Die Lekt\u00fcre fachdidaktischer Literatur kann peinlich sein &#8211; f\u00fcr den Ausbilder, denn nicht alle verfolgen immer alles. Sie tr\u00e4gt nicht unerheblich zur Professionalisierung bei, was sich vor allem in Unterrichtsanalysen und w\u00e4hrend der m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung auswirkt: Da perlen dir dann wahre Kaskaden von Leerformeln (z. B. die immer passende &#8222;vieldimensionale Faktorenkomplexion&#8220;) aus dem Mund, und du gibst dir den Anschein, als beherrschtest du das Sprachspiel ausgezeichnet, und das hat mehr Einfluss auf die Note, als die Seminarleiter zugeben.<\/p>\n<p><strong>4. Hospitationen sollen Unterricht-im-Alltag zeigen<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_617\" aria-describedby=\"caption-attachment-617\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/amboss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-617\" src=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/amboss-300x225.jpg\" alt=\"Was man mindestens mitbringen muss: Einen Amboss.\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/amboss-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/amboss.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-617\" class=\"wp-caption-text\">Was man mindestens mitbringen muss: Einen Amboss.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Manche Seminarleiter behaupten, dass sie Unterricht sehen wollen, der den normalen Alltag widerspiegelt. Also keine ellenlangen Tafelanschriebe vor der Stunde kalligrafieren; also keine Klaviere, Elefanten oder Raumstationen als Realobjekte auf den Lehrertisch stapeln: Ganz normalen Unterricht zeigen mit Hausaufgabenkontrollen oder Tests zum Stundenbeginn, Kl\u00e4rung organisatorischer Fragen kurz vor oder Hausaufgabenstellung nach dem Klingeln; sollte man meinen.<br \/>\nAlles falsch. Du zeigst Zauberstunden, f\u00fcr die du mindestens einen M\u00f6belwagen, besser zwei mietest, den OH-Projektor wienerst, eine neue Tafel anschaffst, die Sch\u00fcler mit Kuchen oder DM 1500,- pro Lehrprobe schmierst und mit Ecstasy dopst.<br \/>\nEin manchmal kolportierter Witz (Was hat blo\u00df der Lkw-Fuhrpark vor der Schule zu suchen? &#8211; Der Referendar hat eine Lehrprobe.) ist vor diesem Hintergrund eine empirisch nachgewiesene Tatsachenbeschreibung.<\/p>\n<p><strong>5. Unterricht soll die eigene p\u00e4dagogische Identit\u00e4t zum Ausdruck bringen<\/strong><\/p>\n<p>Manche Seminarleiter behaupten, dass sie sehen wollen, wie das p\u00e4dagogische Profil des Azubis aussieht: Man solle seine eigenen St\u00e4rken entdecken und den Unterricht so gestalten, wie man selbst dazu stehen k\u00f6nne, weil Unterricht anders gar nicht m\u00f6glich sei.<br \/>\nFalsch. Der erste Ausflug nach Bekanntgabe der Namen der Fachseminarleiter muss in die n\u00e4chste gut best\u00fcckte p\u00e4dagogische Bibliothek f\u00fchren (so was existiert in Berlin nicht, du musst schon nach New York fliegen), um die einschl\u00e4gigen Ver\u00f6ffentlichungen der Fachseminarleiter doppelt zu kopieren (man kann nie wissen; vielleicht kippst du Kaffee \u00fcber das eine Exemplar). Diese ber\u00fcckenden Ausbildertexte sind manchmal an abstrusen Orten ver\u00f6ffentlicht (und seien es Gedenkschriften ihrer alten Gymnasien). Allein es gibt sie garantiert, denn Seminarleiter halten etwas auf sich.<br \/>\nUnd dann, bitte sehr, die einleitenden und die res\u00fcmierenden S\u00e4tze auswendig lernen, denn sie enthalten das Credo des Ausbilders, mithin die Wahrheit. Auswendig lernen, bei der ersten Lehrprobe umsetzen, auch wenn&#8217;s dir gegen den Strich geht, und bei der ersten Unterrichtsanalyse korrekt zitieren, auch wenn&#8217;s nicht zum Thema geh\u00f6rt. Aber es dient auf jeden Fall der Note, denn gut gelaunte Menschen sind lieb, sogar Fachseminarleiter.<\/p>\n<p><strong>6. Die Examensstunden sind wichtig<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Ger\u00fccht wird immer wieder gezielt gestreut, um dir einen geh\u00f6rigen Schrecken einzujagen. Immerhin machen die beiden Noten ein Drittel der Gesamtnote aus, und dein K\u00f6rper beginnt zu streiken.<br \/>\nAber so k\u00f6nnen nur Erstkl\u00e4ssler rechnen. In Wahrheit ist die Note nach der Vornote und dem Ergebnis der Examensarbeit l\u00e4ngst ausbaldowert in Geheimen Sitzungen von Haupt- und Fachseminarleitern (von denen du weder in der AusbO noch gar in der 2. LehrerPO die kleinste Spur findest).<br \/>\nUnd wenn du dann deine gro\u00dfe Stunde hast mit Vornote Vier: dann bekommst du sie, auch wenn dein Kollege mit Vornote Zwei f\u00fcr exakt die gleiche Stunde eine Zwei absahnen w\u00fcrde. Ein Gleiches gilt f\u00fcr die m\u00fcndliche Pr\u00fcfung: Die Vornoten sind enorm wahrnehmungssteuernd. Die Notengeber lesen anstelle des Morgengebetes tagaus tagein eine historisch-kritische Version von Morgensterns Palmstr\u00f6m-Gedicht. Man muss sie verstehen.<br \/>\nEs gibt Ketzer, die davon ausgehen, dass sogar nur die allererste Stunde wichtig ist und alles andere null, nichtig, eitel und umsonst; aber daf\u00fcr fehlen die notwendigen empirischen Beweise.<br \/>\nFazit: Die Examensarbeit und die Lehrproben des dritten Semesters sind wichtig, sonst nichts. Das kann dich beruhigen oder auch nicht; es ist Tatsache.<\/p>\n<p><strong>7. Hauptseminarleiter sind wichtig und flei\u00dfig und haben soo viel zu tun<\/strong><\/p>\n<p>Ja, doch, das glauben wir auch; das ist gar kein Irrtum. Nat\u00fcrlich sind Hauptseminarleiter wichtig und flei\u00dfig und haben soo viel zu tun. (Wie konnte dieser Satz blo\u00df auf diese Seite geraten, hey, Setzer, wo bist du Knilch?)<\/p>\n<p>(Nachtrag 2014: Dieser Text hat locker 20 Jahre auf dem Buckel und ich distanziere mich ausdr\u00fccklich von ihm, denn er hat schon damals nicht gestimmt und heutzutage ist sowieso alles besser geworden. Er steht hier nur aus historischen Gr\u00fcnden.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>dargestellt und er\u00f6rtert f\u00fcr die junge Generation, auf dass sie es leichter habe<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":617,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,54,55,10],"tags":[],"class_list":["post-618","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-satire","category-schule","category-unterricht"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=618"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1851,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/618\/revisions\/1851"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}