{"id":279,"date":"2013-10-14T18:57:12","date_gmt":"2013-10-14T16:57:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/?p=279"},"modified":"2013-11-11T23:25:01","modified_gmt":"2013-11-11T21:25:01","slug":"sprueche-in-bergwerken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/sprueche-in-bergwerken\/","title":{"rendered":"Spr\u00fcche in Bergwerken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Gl\u00fcck und lachen sich tot<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/bergwerke2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-281\" style=\"margin: 10px;\" alt=\"bergwerke2\" src=\"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/bergwerke2.jpg\" width=\"203\" height=\"605\" \/><\/a>Ich finde, man darf kein Deutsch-Abitur bekommen, wenn man Sibylle Berg nicht gelesen hat. Keine sagt so direkt, was heutzutage Sache ist. Wer das nicht kapiert, ist mal speziell bl\u00f6d.<\/p>\n<p>Zur Einnerung an eines der lustigsten Projekte im Deutschunterricht ever: Wir haben im Deutsch-Leistungskurs zum Abschluss dieses Berg-Werk durchfl\u00f6ht nach hilfreichen, edlen und guten Wahrheiten. Und wir haben einen Haufen coole Berg-Spr\u00fcche gefunden, die man aber besser nicht liest, wenn man noch Illusionen hat. Dann soll man zum Arzt gehen.<\/p>\n<ul style=\"list-style-image:url(https:\/\/www.moutard.de\/uploads\/grauklein.gif)\">\n<li>Wenn auf der Welt nichts mehr lebt, werden die Ampeln immer noch tun, als w\u00e4r alles in Ordnung. (S. 11)<\/li>\n<li>Zusammenschlafen mit dem Gef\u00fchl, das ist das letztemal. Und das bringt ja nun mal gar keine N\u00e4he. Das bringt wirklich gar nichts. (S. 11)<\/li>\n<li>Und jetzt bin ich alt und wei\u00df gar nicht, wie es so schnell dazu kommen konnte. (S. 13)<\/li>\n<li>Der Himmel ist ein Verr\u00e4ter und einen Gott gibt es nicht. (S. 17)<\/li>\n<li>Ich wei\u00df nicht, was ich mit Geld soll, au\u00dfer es zu vertrinken. Nein, ich nehm das Geld, weil es konsequent ist. Wenn ich schon nichts anderes hinkriege, dann will ich wenigstens konsequent Schei\u00dfe bauen. (S. 22)<\/li>\n<li>Manchmal denke ich, es w\u00e4re total gut, an irgendwas glauben zu k\u00f6nnen. An eine politische Idee oder so. Aber heute glaubt kaum wer noch was. (S. 24)<\/li>\n<li>In der Bar sind so Menschen. Eine Versammlung anonymer Autisten. Die stehen am Tresen und sind sch\u00f6n. (S. 29)<\/li>\n<li>Und die Jungen kommen rein wie zum K\u00e4mpfen. Die Beine breit, als w\u00e4ren da Muskeln, die ein Zusammentreffen des Fleisches verhindern. (S. 29)<\/li>\n<li>Ich glaube aber, es ist schon O. K., nicht blond zu sein und dauernd lachen zu m\u00fcssen. (S. 30)<\/li>\n<li>Frauen, all diese armen Frauen, die glauben, neue Sachen w\u00fcrden irgend etwas an ihrer Unf\u00e4higkeit, sich am Morgen f\u00fcr eine Anziehsache zu entscheiden, \u00e4ndern. (S. 33)<\/li>\n<li>Ich liege in meinem Bett und glaube, ich werde morgen ein neues Leben anfangen. Echt. Ich glaub, ich mach das. (S. 37)<\/li>\n<li>Ich wei\u00df nicht, warum alle M\u00e4nner Musik machen wollen. Ich wei\u00df sowieso nicht, warum M\u00e4nner immer was machen wollen. (S. 38)<\/li>\n<li>Und da liegt die Armprothese. Ich guck die an, und mir wird ganz romantisch, ich meine, das ist ein Teil von meinem Geliebten, das da auf meinem Nachttisch liegt. (S. 41)<\/li>\n<li>Wir sind die Generation der Beschissenen. Ich wei\u00df nicht von wem und um was. Vielleicht weil sie uns die Unschuld genommen haben. Den Glauben an einen Sinn. Vielleicht ist die Wissenschaft schuld oder irgendein Bankangestellter, der in seiner Freizeit Versuche macht. (S. 45)<\/li>\n<li>Ich bin verliebt, und es tr\u00f6stet mich nicht zu wissen, dass es sich um einen chemischen Vorgang handelt. (S. 45)<\/li>\n<li>Ich bin auch nicht allzu schlau. Gerade mal so schlau, dass ich ziemlich viel erkenne. Aber nicht schlau genug, um mit den Erkenntnissen was anzufangen. (S. 58)<\/li>\n<li>Nora ist au\u00dfen voller schneller Bilder. Voll Musik. Und innen ist sie aus Eis. (S. 66)<\/li>\n<li>Wenn ein Mann von Liebe spricht, dann meint er Begehren, dann meint er Geschlechtsverkehr und Orgasmus. Wenn eine Frau von Liebe spricht, dann meint sie Seele und Verschmelzen, dann meint sie alt werden und reden und anfassen ohne Ende und Symbiose. (S. 67)<\/li>\n<li>Wir verstanden uns, wie Mann und Frau immer &#8211; nicht. (S. 70)<\/li>\n<li>Aber Reden macht Wirklichkeit. (S. 76)<\/li>\n<li>Nimmt das Gef\u00fchl, das noch ganz d\u00fcnn ist aus dem Bauch heraus, wickelt Worte darum, um es anzufassen, hebt es mit den Worten aus dem Bauch raus. Ans Licht. Aber eben, das Gef\u00fchl ist noch so d\u00fcnn und hat Angst vor dem Tag, und die Worte bilden L\u00fccken. Durch die rutscht das Gef\u00fchl, f\u00e4llt auf den Boden. Und nur die Worte sind \u00fcbrig, leer und stehen im Raum. Sagen nichts. (S. 78)<\/li>\n<li>Die Menschen in Krankenh\u00e4usern sind zum gr\u00f6\u00dften Teil h\u00e4sslich. Gar nicht, weil sie krank sind, sondern weil ein repr\u00e4sentativer Bev\u00f6lkerungsprozentsatz in Krankenh\u00e4usern liegt und diese Prozente eben h\u00e4sslich sind. (S. 80)<\/li>\n<li>Helge w\u00fcnschte, er h\u00e4tte ein ordentliches Problem. Eine Krankheit, einen Ruin, einen Menschen der ihn betrogen hat. Und nicht so eine Problemso\u00dfe, wie er hat. (S. 84)<\/li>\n<li>Du schaust dir nochmal dein Gesicht an. Wem das geh\u00f6rt, ist egal. (S. 86)<\/li>\n<li>Egal, immer gaukeln Fetische dem Besitzer etwas vor und verleiten ihn zur Verantwortungsabgabe. Sie bringen Millionen Menschen dazu, h\u00e4ssliche Stofftiere, bl\u00f6de Ketten und ausgetretene Stiefel von einem Ort zum anderen zu schleppen, Jungfrauen zu opfern und Kriege zu f\u00fchren. Und all die Fetische lachen leise \u00fcber unsere Dummheit. Guckt mal die Menschen an, kichern sie, die schleppen uns rum, umtanzen uns und verehren uns nur, um sich einzureden, dass sie nicht allein sind, auf dieser Welt, und da\u00df sie Gl\u00fcck haben. Und wissen doch nicht, da\u00df sie immer allein sind und Gl\u00fcck eine Illusion ist. (S. 89)<\/li>\n<li>Das Schicksal l\u00e4sst sich nicht durch Schafe bestechen, das ist die Wahrheit. (S. 89)<\/li>\n<li>Und mit jedem Wort, das ich schreibe, formuliere ich ein St\u00fcck L\u00fcge. (S. 91)<\/li>\n<li>Lesen ist eine legitime Zeitrumbringung. (S. 97)<\/li>\n<li>Die richtig Schlauen haben erkannt, dass Langeweile der Normalzustand des nicht schwer arbeitenden Menschen ist. (S. 99)<\/li>\n<li>Mit Warhol gro\u00dfgeworden, mit Mapplethorpe, und eure Eltern haben alle Juden im Keller versteckt, ihr Arschgesichter. (S. 104)<\/li>\n<li>Ein gemeinsames Leben bedeutet der Kuss f\u00fcr Nora. Nie mehr allein sein. Jemand haben f\u00fcr mich allein. F\u00fcr Tom bedeutet der Kuss den ersten Schritt zum Sex. (S. 105)<\/li>\n<li>Neben mir lag eine Rothaarige. Frag mich nicht. Ich hasse Rothaarige. Also ich meine jetzt die, die das extra machen. Die sind entweder auf nem ekligen \u00d6kotrip und jung. Oder wollen endlich ihre Weiblichkeit entdecken und sind alt. (S. 117)<\/li>\n<li>Niemand sollte \u00fcber seine Zukunft nachdenken. Es ist vermessen zu glauben, man k\u00f6nnte die beeinflussen oder planen. Durch nichts kann man das und durch Denken mal gleich am allerwenigsten. (S. 126)<\/li>\n<li>Ich will keine andere Frau, denn eine andere Frau, das ist nur ein anderes Problem. (S. 127)<\/li>\n<li>Dann liegt sie mit Tom in diesem Stra\u00dfengraben, irgendwo im Niemandsland, zwischen Schei\u00dfe und Papierfetzen, und beide sind ein bi\u00dfchen froh. Und traurig, weil Liebe oder die Sache hinter dem bl\u00f6den Wort so schwer ist. (S. 130)<\/li>\n<li>Sie haben uns alle Probleme genommen, sie haben alle Sorgen genommen, bis nur noch wir \u00fcbriggeblieben sind. (S. 131)<\/li>\n<li>Die meisten Tiere fragen sich nicht andauernd, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen. Ich w\u00fcrde sehr gerne mal mit einigen befreundeten Tieren \u00fcber dieses Thema reden. (S. 143)<\/li>\n<li>Ich liebe den Mann. Der Mann liebt mich nicht. Ich glaube, diese Geschichte ist ganz sch\u00f6n alt. Da sind schon ganz andere dran gestorben. (S. 145)<\/li>\n<li>Du wartest, dass die Liebe kommt. Ich kann dir eins sagen: Die wird nicht kommen. (S. 147)<\/li>\n<li>Vielleicht ist die Liebe die letzte Idee in diesem Jahrtausend. Das Letzte, was wir noch nicht hingekriegt haben. Etwas zum dran glauben. (S. 154)<\/li>\n<li>Ich habe kein Zuhause. Das w\u00e4re, wo das Herz ist, und das liegt zertreten an irgendeinem Flughafen. (S. 161)<\/li>\n<li>Die Frauen, die du im Orient haben kannst, holst du dir in Diskos. Sie sind warm und rund. Allerdings ein bisschen wie eine Zeitung im Bett. (S. 163)<\/li>\n<li>Was haben wir von unserem ganzen tollen Leben, von unseren spannenden Berufen, wenn wir uns mit niemandem dar\u00fcber freuen k\u00f6nnen. (S. 170)<\/li>\n<li>Ich tr\u00e4ume von nichts. Nicht von Liebe oder von Reichtum, Ruhm oder Unsterblichkeit. Das sind Sachen, die egal sind. Wenn ich sterbe sind die egal. Da z\u00e4hlt nur, wie viele Momente ich hatte, wie diesen am Fenster. (S. 172)<\/li>\n<li>Die Italiener fahren wie Arschl\u00f6cher. Arschl\u00f6cher mit schwerwiegenden Potenzproblemen. (S. 173)<\/li>\n<li>Als Bettina sp\u00e4ter dann noch mal in mein Zimmer kommt, schlafe ich mit ihr. Aber das ist O.K., weil ich ja wei\u00df, dass ich Nora irgendwie liebe und ihr treu bin. Und da\u00df es mir gar nichts bedeutet, mit Bettina zu schlafen. Das ist nur so wie massiert werden. (S. 174)<\/li>\n<li>Und dann bog er um so eine Kurve und sah einen riesigen Laster auf seiner Spur. Der fuhr gar nicht. Der lag da und brannte, als ob er noch nie etwas anderes gemacht h\u00e4tte. Und das merkte Tom, aber er merkte es irgendwie echt zu sp\u00e4t. Toms Kopf wurde wurde von den Feuerwehrleuten weitab der Stra\u00dfe gefunden. Sein Haar sa\u00df noch sehr gut. (S. 179)<\/li>\n<li>Worum es geht, ist doch einfach nur, etwas zu lieben. Und wenn es Milchkaffee und Zigaretten sind. Es ist egal, was einer liebt. (S. 180)<\/li>\n<li>Auf einem Boot fahren drei S\u00e4rge vorbei. &#8230; Sch\u00f6n bl\u00f6d, einfach so sterben. (S. 180)<\/li>\n<li>Romantik ist Bullshit. (Aus einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, 23.8.2009)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Seitenangaben nach der Ausgabe Reclam Leipzig 1997<br \/>\nFebruar 2011, Dank an: J. Bukowsky, J. Dohn, A. L. Manzaris, S. Hoffmann<\/p>\n<p>(Von der Seite der Kantschule r\u00fcbergeholt am 14.10.2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Gl\u00fcck und lachen sich tot Ich finde, man darf kein Deutsch-Abitur bekommen, wenn man Sibylle Berg nicht gelesen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":280,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41,43],"tags":[],"class_list":["post-279","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lektuere","category-zitate"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=279"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/279\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":364,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/279\/revisions\/364"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/280"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.moutard.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}