Textvorlage: Gelfert, Hans-Dieter, "Wozu überhaupt interpretieren?" In: Bekes, Peter u. a. (Hgg.): Texte - Menschen - Reflexionen. Literatur und Sprache im Sekundärbereich II. München 1999. S. 191-192 (Buch- und Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe)

Aufgabe: Nehmen Sie Stellung zu den wichtigsten Thesen in dem Text von Hans Dieter Gelfert: "Wozu überhaupt interpretieren?"

Jeder kennt diese Situation: - das Lieblingsbuch schon zweimal gelesen und man kann es trotzdem nicht lassen, es noch ein drittes Mal zu lesen. Doch was reizt uns daran? Mit dieser Problematik beschäftigt sich auch Hans-Dieter Gelfert in seinem Text "Wozu überhaupt interpretieren?" Der Text behandelt den Sinn der Interpretation von Gedichten. Der Autor dieses Textes stellt zwei Thesen gegenüber und gibt abschließend Antwort auf die im Titel gestellte Frage.

Für eine Interpretation spricht die Suche nach dem Besonderen, nach dem Reiz, nach der Finesse. "Was ist der Nerv, der bestimmte Gedichte über Jahrhunderte hinweg am Leben erhalten hat, während unzählige andere vollkommen vergessen sind?"(Zeile 5-6).
Es ist die Machart eines Gedichtes. Uns gefällt ein Gedicht, wenn es gut gemacht ist. Dies unterstützt Gelfert mit dem Beispiel der Fertigung eines Stuhles. Auch hier prüft man die Qualität von Material und Verarbeitung, "ob es aus dauerhaftem Material gemacht, dicht gefügt und restlos durchgearbeitet ist."(Zeile 12).
Wenn man ein Gedicht kritisch analysiert, Sachverhalte einbringt, die "Lautgestalt beschreibend" (Zeile 35) die "subtile Machart des Gedichts" (Zeile 37) freilegt und viel darüber erfährt, wird das Gedicht "zu einem dauerhaften Kunsterlebnis"(Zeile15)!
Um dies verständlich zu machen, nennt Gelfert ein weiteres Beispiel: Das Urteil über eine Speise fällt positiver aus, wenn man hinter dem Genuss auch die Leistung des Kochs erkennt.
Der Sinn einer wissenschaftlichen Interpretation ist das tiefere Erkennen, damit "der Sprecher wie der Hörer plötzlich im Klang der Verse Akkorde hören [kann], die dem einen wie dem anderen ohne die Hilfestellung des Literaturwissenschaftlers verborgen geblieben wären". (Zeile 38/ 39).

Gegen Interpretation spricht das "Breittreten und Zerschwätzen von etwas, das man viel besser ohne Worte auf sich wirken lassen sollte." (Zeile 42)
Man sollte das Gedicht in seiner ästhetischen Gestalt erfassen, es emotional wirken lassen und es nicht von einer "wirksamen Formensprache" (Zeile 23) in eine geistig verständliche Sprache übersetzten, denn ein "solcher verdinglichter Interpretationsbegriff verstellt […] eher den Blick für das Gedicht, als dass er ihn eröffnet." (Zeile 25)
Dem Gedicht wird "Glanz und Unschuld [genommen durch] Versprachlichen eines intensiven ästhetischen Erlebnisses." (Zeile 45)
Doch so was gibt es eigentlich nicht. Eine Gedichtwiedergabe bedingt bereits die Interpretation Schon durch die Art des individuellen Vortrages des geschulten Sprechers, "der die Lautgestalt des Gedichtes zu voller Wirkung bringt, [wird] interpretiert." (Zeile 35)

Es geht Gelfert um die Beschäftigung mit dem Gedicht und nicht vordergründig um das Resultat. Durch den wissenschaftlichen Hintergrund und die Machart eines Gedichtes erlebt der Sprecher das Gedicht intensiver. Man verliert bei der Interpretation "an undifferenzierter Spontaneität [die durch] den Gewinn an undifferenzierter Wahrnehmung" (Zeile 47) aufgewogen wird. Durch diese Differenzierung ergibt sich eine immer weiter vertiefbare, facettenreiche Fülle.

Hans-Dieter Gelfert kommt am Ende seines Textes zu dem Fazit, dass die Kunstfertigkeit eines Gedichtes "auf die Dauer mehr intellektuelles Vergnügen [verschafft] als spontan überwältigte Ersterlebnisse, die mit der Zeit verblassen." (Zeile 50)

Ich stimme Gelfert zu. Ein Gedicht kann man für den ersten Moment wirken lassen, doch scheint es erst interessant zu werden, wenn man geschichtliche Zusammenhänge, Hintergrundinformationen kennt und sich an seiner Machart und sprachlichen Mitteln erfreut. Einerseits ist das emotionale Erleben eines Gedichts von großer Bedeutung; andererseits ist das Erkennen der Struktur eine Möglichkeit die Kunstfertigkeit eines Gedichts besser zu durchschauen und die "nuancenreiche Fülle" intensiver zu erleben.

Das erklärt auch die Faszination an unseren Lieblingsbüchern. Je vertrauter uns das Werk ist, desto intensiver erleben wir seinen Inhalt, nehmen differenzierter wahr und erfreuen uns an vielen Kleinigkeiten, die wir immer neu zu interpretieren wissen.

Wörter: 627

Verfasserin: Annett L., 8/2003